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Lesende Ratten jubeln! Müller-Kaufhaus soll Bibliothek werden! Was für ein grandioser Triumph der Stadtentwicklung in Weißenfels!


Liebe Bürgerinnen und Bürger der Boom-Town Weißenfels, jubelt laut! Endlich haben visionäre Politiker und Verwalter unter der genialen Führung von Oberbürgermeister Martin Papke (CDU) und der unermüdlichen Landtagsabgeordneten Elke Simon-Kuch (CDU) wieder einmal bewiesen, warum sie die unangefochtenen Meister der regionalen Wirtschaftspolitik sind.



Erinnert ihr euch noch voller Dankbarkeit an das vergangene Jahr, als Oberbürgermeister Martin Papke (CDU) und Landtagsabgeordnete Elke Simon-Kuch (CDU) auf Steuerzahlerkosten extra zu Drogerie-König Erwin Müller pilgerten, um die Schließung des Kaufhauses mit vereinten Kräften zu verhindern? Ein historischer Moment! Das grandiose Ergebnis dieser Reise? Müller wollte sich „nur“ verkleinern und im ersten Haus der Einkaufsstraße bleiben. Ein klarer Sieg der klugen Verhandlungskunst!

Und dann, nur wenige Monate später, die nächste Meisterleistung: Müller macht doch komplett dicht. Zum 25. April 2026 schloss das letzte große Kaufhaus in der Innenstadt. In der „Boom-Town“ Weißenfels rechnet sich offenbar selbst ein Müller nicht mehr. Welch wunderbarer Beweis für die jahrzehntelange, geradezu geniale Wirtschaftspolitik von CDU, SPD, Grünen und FDP! Man möchte vor so viel Weitsicht und Erfolg einfach nur niederknien.

Müller selbst nannte als einen Grund die fehlenden kostenlosen Parkplätze. Aber wer braucht schon Parkplätze, wenn man als Vision eine autofreie, fußgängerfreundliche Innenstadt ohne lästige Shopping-Touristen von außerhalb hat? Die Stadtentwickler hatten ja die brillante Idee einer lebendigen City – ohne Autos, ohne Parkplätze und eben auch ohne zahlreiche Kunden. Und genau diese Vision tragen sie nun konsequent zum Erfolg.

Doch keine Sorge, liebe Weißenfelser! Die Superschlauen in der Stadtverwaltung haben sich längst zusammengesetzt und die ultimative Lösung gefunden: Eine Bibliothek - eventuell mit Panoramacafe - im Herzen der weiter sterbenden Innenstadt! So kann man bei einem Getränk und einem Stück Kuchen die Dächer der verfallenden Häuser begutachten. Wie romantisch! Wer träumt nicht davon?

Ja, genau. Dort, wo ein Laden nach dem anderen dichtmacht, soll eine Bibliothek der neue Publikumsmagnet in Zeiten von Internet, Amazon und Online-Shopping werden. Doch, doch! Ganz bestimmt! Auf so eine bahnbrechende Idee muss man erst einmal kommen. Wie viele Stunden an Brainstorming und Meetings wohl notwendig waren, um dieses Konzept zu entwickeln?

Wir alle wissen doch, wie oft wir in den letzten Jahrzehnten freiwillig Bibliotheken gestürmt haben. Manche von uns brauchen dafür wahrscheinlich nicht einmal einen Finger zum zählen, weil die Zahl der Besuche gegen Null tendiert. Aber hey: Vielleicht ist Weißenfels ja der Vorreiter einer globalen Trendwende! Städte, deren Zentren dank einer Bibliothek wieder aufgeblüht sind?

Wer kennt sich nicht, die Städte, die sich um Bibliotheken zu großen Zentren entwickelt hatten.


Nehmen wir Alexandria (Ägypten, ab ca. 3. Jh. v. Chr.) als das Paradebeispiel. Die Große Bibliothek von Alexandria (Teil des Museions) machte die Stadt zum „Kapital des Wissens“. Sie sollte alles bekannte Wissen der Welt sammeln (bis zu 500.000+ Rollen). Gelehrte wie Euklid, Archimedes, Eratosthenes oder Strabo wurden angezogen. Die Bibliothek war nicht nur Aufbewahrungsort, sondern Forschungs- und Lehrzentrum. Alexandria verdankte einen großen Teil seines Weltruhms und seiner Anziehungskraft dieser Einrichtung. Sie blieb über Jahrhunderte ein Magnet für die antike Gelehrtenwelt.

Oder Pergamon (Pergamum, heute Bergama, Türkei, 3.–2. Jh. v. Chr.). Die Attaliden-Könige bauten die Stadt zu einem hellenistischen Prunkzentrum aus – mit einem der größten Rivalen der Alexandrinischen Bibliothek (ca. 200.000 Rollen). Die Bibliothek lag prominent auf der Akropolis im Athena-Heiligtum und war zentral für das Selbstverständnis der Stadt als Kultur- und Bildungszentrum. Pergamon profitierte enorm vom Prestige der Bibliothek (u. a. Erfindung des Pergaments als Reaktion auf das Papyrus-Embargo aus Alexandria). Die Stadt wurde dadurch zu einem der wichtigsten intellektuellen Orte der hellenistischen Welt.

Oder Timbuktu (Mali, Blüte 14.–16. Jh., Mittelalter). Ursprünglich ein Nomadenlager und Handelsplatz an den Transsahara-Routen (Gold, Salz). Entwickelte sich durch islamische Gelehrsamkeit und Hunderte privater sowie institutioneller Bibliotheken (Sankore-Universität u. a.) zu einem der bedeutendsten afrikanischen Zentren des Wissens. Bis zu Hunderttausende Manuskripte zu Astronomie, Medizin, Recht, Mathematik etc. Die Stadt wurde als „Afrikas Oxford“ oder „Stadt der 333 Heiligen“ berühmt. Der intellektuelle Ruf zog Gelehrte aus der gesamten islamischen Welt an und verstärkte ihren Wohlstand.

Weißenfels soll nun also diesen großen Vorbildern folgen. Man kann wirklich nur glücklich sein über eine solche Stadtentwicklung. Oder sollte man besser Stadtrückentwicklung sagen?

Egal! Während die letzten Einzelhändler nach und nach verschwinden, investiert man fleißig für die wenigen Leseratten, die sich mit diesem neuzeitlichen Internet schwertun. Zehn Millionen Euro waren mal für einen Bibliotheks-Neubau eingeplant, jetzt wird eben umgeplant, umgebaut und weiter Steuergeld verbrannt. Aber keine Angst: Es wird eine Wirtschaftlichkeitsuntersuchung geben. Und der Stadtrat entscheidet im Juli. Alles ganz professionell.

Bravo, Herr Oberbürgermeister Martin Papke (CDU)! Bravo, Frau Elke Simon-Kuch (CDU)! Bravo, ihr Genies der Stadtverwaltung! Ihr macht aus Weißenfels eine Vorzeige-Stadt, die beweist, wie man mit maximalem Aufwand und minimalem Ergebnis eine Stadt erfolgreich demontiert.

Hut ab. Das ist wahre Politik für das Volk.



Verfasser: АИИ  |  29.05.2026

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